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1. Bildung hat in Niedersachsen Zukunft mit der SPD Die SPD ist die Bildungspartei in Deutschland und in Niedersachsen. Dies haben wir in unserer Regierungszeit bis 2003 mit Impulsen für die Ent-wicklung der Bildungslandschaft in unserem Land bewiesen: Die Erneuerung bei den Grundschulen, die Einführung von Gesamtschulen, die Neuorientierung der beruflichen Bildung, die Öffnung der Hochschulen, die Gründungen von Universitäten und der Ausbau der Fachhochschulen sind Beispiele dafür. Darauf sind wir stolz. Bis 2003 haben wir viel erreicht. Aber längst nicht alles:
  • Bei Kinderkrippen und Kindergärten sind wir erste Schritte zur finanziel-len Entlastung von Familien gegangen, haben dies aber nicht weiter ge-führt.
  • Wir haben Gesamtschulen initiiert, aber das Konzept nicht überall konse-quent umgesetzt.
  • Wir haben eine höhere Abiturquote erreicht, aber nicht verhindern kön-nen, dass in Niedersachsen jedes Jahr zwischen 7 und 10 Prozent der Schulabgängerinnen und -abgänger ohne Abschluss bleiben.
  • Wir haben die Studierendenzahlen erhöht, aber eine hinreichende Aus-stattung unserer Hochschulen nicht gewährleistet.
  • Vor allem ist es uns nicht gelungen, alle Schülerinnen und Schüler so zu fördern, dass sie unabhängig von ihrer sozialen Herkunft ihr Leistungs-vermögen voll entfalten konnten. Dies zeigen die Ergebnisse der letzten PISA-Studie.
1.1 CDU-Bildungspolitik eine Bestandsaufnahme Seit der Regierungsübernahme durch die CDU und die FDP hat sich die Bil-dungslandschaft in Niedersachsen zurückentwickelt. Als Erstes wurde das dreigliedrige Schulsystem eingeführt. Alle Kinder wer-den bereits nach der vierten Klasse auf Hauptschule, Realschule und Gym-nasium aufgeteilt. Die CDU nennt dies begabungsgerecht". Sie leugnet da-bei, dass Kinder zwar unterschiedliche Lernpotenziale haben, sich diese a-ber erst durch eine individuelle Förderung entfalten können und umgekehrt ohne Förderung eben nicht ausgeschöpft werden. Eine frühe Trennung von Kindern bereits im zehnten Lebensjahr behindert eine intensive individuelle Förderung. Die Eltern in Niedersachsen haben dies erkannt. Immer mehr von ihnen schicken ihre Kinder auf das Gymnasium und erhoffen sich dadurch eine bessere Förderung für ihr Kind. Der Trend ist eindeutig: Bis 41 Prozent wechseln bereits auf ein Gymnasium, in den großen Städten sogar über 50 Prozent. Bis zu 16,5 Prozent wechseln noch zur Hauptschule und 36,5 Pro-zent zur Realschule. Dabei gibt es allerdings ein hohes Stadt-Land-Gefälle. In ländlichen Regionen wechseln aufgrund weiter Anfahrtswege zu den Gymnasien mehr Kinder (bis zu 26 Prozent) auf näher gelegene Haupt- und Realschulen. Diese Kinder haben nicht weniger intellektuelle Fähigkeiten, sie haben nur schlechtere Chancen für einen Gymnasialbesuch. Aber auch für die Kinder, die ein Gymnasium besuchen, verschlechtern sich die Chancen, weil diese Schulen auf den großen Ansturm nicht vorbereitet sind. Übervolle Klassen mit teilweise mehr als 32 Kindern, weniger individuelle Förderung und im schlimmsten Fall eine Abschulung auf die Realschule o-der die Hauptschule sind die Folgen. Als Alternative weichen immer mehr Eltern auf die Gesamtschulen aus. Inzwischen wechseln dort wo ein solches Angebot besteht zwischen 15 und 23 Prozent aller Kinder nach der vierten Grundschulklasse auf eine IGS oder KGS. Viele müssen abgewiesen werden, weil nicht genügend Plätze zur Verfügung stehen. Gerade diese Schulform wird von der Landesregie-rung aber massiv benachteiligt. Neue Gesamtschulen dürfen nicht gegründet werden und die Bestehenden verlieren bis zu 15 Prozent ihrer Lehrerstun-den. Die Folge: Immer mehr Kinder erhalten eine immer schlechtere Förderung und können ihre Potenziale nicht ausschöpfen. Hinzu kommt, dass sich in allen Schulformen die Rahmenbedingungen für eine gute Förderung verschlechtert haben.
  • Die Unterrichtsversorgung sinkt. Die Einführung des dreigliedrigen Schulsystems hat schon 1.161 Lehrerstellen gekostet. Hinzu kommen 1.400 weg gesparte Stellen. Damit sind die 2.500 Neueinstellungen aus dem Jahr 2003 längst aufgebraucht. Obwohl die CDU-Regierung dies durch einen neuen Erlass zur Unterrichtsversorgung zu verschleiern ver-sucht, gibt es an den Schulen heute weniger Unterricht als vor 2003. Schulleitungen und Lehrkräfte sind darüber verärgert. Die Unterrichtsaus-fälle häufen sich, das zeigen die ständig wachsenden Elternproteste.
  • Das von der SPD eingeführte Modell der Ganztagsschulen wird jetzt von der Landesregierung nur noch als Light-Version weitergeführt. Unter der CDU-Regierung erhalten die neu genehmigten Schulen weder zu-sätzliche Lehrerstunden noch ein Budget zur sinnvollen pädagogischen Gestaltung des Unterrichts am Nachmittag. Die Chancen zusätzlicher in-dividueller Förderung von lernstarken und lernschwachen Schülerinnen und Schülern werden verspielt.
  • Die Lernmittelfreiheit wurde abgeschafft, der muttersprachliche Unterricht um 13 Prozent reduziert und die Hausaufgabenhilfe gestrichen.
Auch bei der für die Entwicklung der Kinder wichtigen frühen Förderung versagt die CDU-Landesregierung. In den westlichen Bundesländern gibt es nur für 2,7 Prozent aller Kinder unter drei Jahren einen Krippenplatz, in Nieder-sachsen sind es noch weniger. Hier fehlen allein 1.000 Plätze, um überhaupt diesen schon niedrigen Wert zu erreichen. Nur für 5.332 Kinder von den hier lebenden 230.000 Kleinkindern gibt es einen Krippenplatz. Unser Land ist auch bei der Versorgung mit Kindergartenplätzen das Schlusslicht in Deutschland. Fast 4 Prozentpunkte fehlen uns gegenüber der Versorgung im Bundesschnitt (89,8 %). Gespart wird aber nicht nur bei Bildungschancen der Kleinen. Auch unsere Hochschulen müssen tiefe Einschnitte hinnehmen. Sie haben mittlerweile 260 Millionen Euro weniger in den Kassen. Gleichzeitig werden die Studierenden mit 500 Euro Studiengebühren pro Semester belastet. Mit diesem Geld von 100 Mio. Euro jährlich sollen sie einen Teil der Kürzungen ausgleichen. Diese Bildungspolitik verkürzt nicht nur die Bildungsinteressen aller Schülerinnen und Schüler, sie verspielt auch die Zukunft des Landes. Die SPD hat deshalb einen umfassenden Gegenentwurf entwickelt, der das Prinzip der individuellen umfassenden Förderung und Forderung in den Mittelpunkt stellt. Ausgehend von den Ergebnissen der internationalen Untersuchungen zum Bildungsniveau einzelner Staaten (PISA u. a.) und unter Berücksichtigung der neueren pädagogischen Diskussion haben wir unser Konzept Zukunft der Bildung entwickelt. Dabei haben wir aus unseren Fehlern der Vergangenheit gelernt. Wir wollen nach der Landtagswahl im Jahr 2008 wieder die Regierung des Landes Niedersachsen stellen. Mit unserem Programm Zukunft der Bildung beschreiben wir die Schritte, die wir bis zum Jahr 2018 umsetzen wollen, um Niedersachsen zu einem herausragenden Bildungsland innerhalb Deutschlands und Europas zu entwickeln. 1.2 Unsere Grundsätze Der Mensch ist von Natur aus neugierig und will lernen. Dies gilt vor allem für Kinder und Jugendliche. In der sich ständig und immer schneller verändernden Lebens- und Arbeitswelt müssen Menschen aber auch das Lernen lernen". Bildungspolitik ist deshalb heute mehr als die Organisation der Wissensvermittlung. Ein modernes Bildungssystem muss dies berücksichtigen und Angebote organisieren, die über das bloße Aneignen von Wissen hinausgehen, die persönlichkeitsformend sind und die Fähigkeit zur Selbstbildung bei den Menschen ausbilden. Bildungsangebote müssen auch auf die Entwicklung der Persönlichkeit, auf Mitwirkungsmöglichkeiten in der Gesellschaft und auf umfassende Beschäftigungsfähigkeit zielen. Bildung zielt im umfassenden Sinn auf ein Leben in einer menschenwürdigen Gesellschaft. Bildung ist kein statischer Begriff, sondern muss dynamisch verstanden werden, sie entwickelt sich stets neu. Sie ist Voraussetzung zur aktiven Teilhabe am materiellen und kulturellen Reichtum und sozialer Verpflichtung. Politik hat die Aufgabe, den Menschen optimale Bedingungen zum Erwerb einer solchen Bildung zu schaffen. Für Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ist Bildung daher ein wichtiger Teil unserer Politik, denn eine demokratische Gesellschaft ist auf sich bildende und mündige Bürgerinnen und Bürger angewiesen. Inklusion von Menschen mit Behinderungen und Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist dabei selbstverständlich. Eine wesentliche Erkenntnis der internationalen Untersuchungen zum Bildungsniveau an deutschen Schulen ist, dass die soziale Herkunft wesentlich die Bildungschancen bestimmt. Bildung ist von der sozialen Herkunft abhängig. Die Studien haben gezeigt, dass trotz der erheblichen Bildungsexpansion der 60er und 70er Jahre in Deutschland der Zusammenhang zwischen sozialer Stellung der Eltern und Bildungserfolg besonders eng ist. Kinder von Ärzten haben danach bei gleichen Leistungen viermal so viele Chancen, ein Abitur zu bekommen wie ein Arbeiterkind. Dies gilt es abzubauen, denn wir wollen die beste Bildung für alle. Chancengleichheit ist deshalb eine sozialdemokratische Kernbotschaft. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wenn große Teile unserer Bevölkerung von Chancengleichheit ausgeschlossen sind. Das Ziel der Chancengleichheit ist keine Bildungsnivellierung. Chancengleichheit bedeutet, jedem die Möglichkeiten zu geben, mit gleichen Chancen seinem Potenzial entsprechend Bildung zu erlangen. Dies gilt für alle Kinder, für Lernstarke und für Lernschwache. Das mit dem Gedanken der Chancengleichheit verbundene Prinzip des Ausgleichs von Lernschwächen durch Fördern ist eng verbunden mit dem Prinzip des Forderns von Lernstarken, damit diese ihre Fähigkeiten voll herausbilden können. Bildung muss deshalb ganzheitlich angelegt sein. Die Förderung der sprachlichen, motorischen, musisch-künstlerischen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten muss gleichwertig und gleichgewichtig stattfinden. In Niedersachsen ist weder das Prinzip des Förderns und Forderns", noch der ganzheitlichen Bildung gewährleistet. Beides ist jedoch notwendig, damit unsere Kinder und Jugendlichen ihre individuellen Chancen optimal nutzen können. Erst daraus erwachsen persönliche Lern- und Leistungsbereitschaft als Grundlage für den weiteren schulischen und beruflichen Werdegang zu einem optimalen Bildungsstand. Ein hohes Bildungsniveau möglichst vieler Menschen ist wiederum die Voraussetzung für die optimale Entwicklung einer sozialen Gesellschaft. Zugleich wird der Wirtschaftsstandort Niedersachsen gestärkt, der ohne ein hohes Qualifikationsniveau und der Innova-tionskraft seiner Menschen im nationalen und internationalen Wettbewerb nicht bestehen wird. 1.3 Unsere Ziele Aus diesen Grundsätzen ergeben sich die Ziele für das zukünftige bildungs-politische Konzept der SPD in Niedersachsen. Bildung beginnt im Elternhaus. Wer starke Kinder haben möchte, muss die Eltern stark machen. Die Förderung in der frühen Kindheit bestimmt den späteren Erfolg beim Lernen entscheidend mit. Dies gilt für die Lesekompetenz, die Lernfähigkeit und die Sozialkompetenz. Deshalb muss ein größeres Gewicht auf die frühkindliche Förderung gelegt werden. In den Gemeinden ist deshalb ein wohnortnahes Netz von Einrichtungen vorzuhalten, in denen unterstützende nicht bevormundende Erziehungsberatung angeboten wird. Dazu werden wir die vorhandenen Erziehungs- und Beratungsangebote mit kompetentem Fachpersonal weiter entwickeln und ausbauen. Kostenfreiheit dieser Angebote ist wichtig gerade für einkommensschwächere Familien. Bildungspolitik ist auch Sozialpolitik. Frühkindliche und vorschulische Betreuung und Bildung in Krippen und Kindergärten hat neben den Eltern einen wichtigen Anteil an Bildung und Erziehung der Kinder. Durch ein ausreichendes und flächendeckendes Krippenplatzangebot, ergänzt um das Modell der Tagesmütter mit öffentlicher Unterstützung wollen wir deshalb eine hinreichende Versorgung zur Bildung und Betreuung für die ersten Lebensjahre sicherstellen. Spätestens mit Vollendung des dritten Lebensjahres wird die frühkindliche Bildung in den Kindergärten fortgesetzt. Verbunden damit sind die Stärkung des Bildungsauftrages der Kitas sowie die Verbesserung der Qualifizierung der Beschäftigten, um eine effektive individuelle Förderung zu gewährleisten. Wir wollen, dass möglichst alle Kinder gerade die aus einkommensschwachen Familien und Familien mit Migrationshintergrund diese Einrichtungen besuchen. Ihr Besuch soll darum schrittweise kostenfrei gestaltet werden. Der Ausbau dieser Einrichtungen ist zugleich ein wichtiger Baustein zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie und damit für die Gleichstellung der Geschlechter. Sobald die Kinder fünf Jahre alt sind, sollen die El-tern dazu motiviert werden, dass ihre Kinder aus der Kindertagesstätte in die jahrgangsübergreifende offene Eingangsstufe der Grundschule wechseln. Die Unterrichtsorganisation der Grundschulen wird reformiert, hin zu mehr selbstständigem und fächerübergreifendem Lernen und Projektgruppenarbeit. Fast alle Länder Europas praktizieren inzwischen die gemeinsame Beschulung aller Kinder von der Grundschule bis einschließlich der Sekundarstufe I; in Niedersachsen wird dies von der CDU/FDP-Regierung verhindert. Hier wird nach dem 4. Schuljahr eine Trennung vorgenommen. Nach der Pisa-Studie 2003 ist dies eines der Hemmnisse bei der Bega-bungsförderung und führt zu ungleicher Verteilung nach sozialer Herkunft. Nur etwa jeder vierte Gymnasialschüler erreicht die 10. Klasse ohne Wiederholen oder eine Abschulung. Einmal abgestuft oder von Beginn an auf einer Schulstufe unterhalb des Gymnasiums eingestuft ist es kaum möglich, den Sprung auf eine höhere Schulform zu bewältigen. Hauptschüler und -schülerinnen werden so bereits im Kindesalter als die großen Verlierer abgestempelt. Für sie wird es immer schwerer, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Hinzu kommt: Die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder ist mit Ende des 4. Schuljahres noch nicht beendet. Bei vielen setzt die Entwicklung später ein. Jungen z. B. erleben einen viel späteren Reifeprozess als Mädchen. Die in-dividuelle Entwicklung vollzieht sich nicht schematisch, sie ist abhängig von den Veranlagungen, dem Elternhaus, der Umwelt. Weist man die Kinder nach dem 4. Schuljahr schon den einzelnen Schulformen zu, nimmt man ih-nen Chancen. Auch gesamtgesellschaftlich wirkt sich das aktuelle Schulsystem in Nieder-sachsen fatal aus, weil vorhandene Bildungsreserven nicht genutzt werden. Deutschland insgesamt kann beim Festhalten an dieser starren Aufteilung in drei Schulsysteme das europäische Spitzenniveau nicht erreichen. Die Be-gabungsreserven einer postindustriellen Gesellschaft sind aber die Basis je-den Fortschritts. Kein Kind darf verloren gehen. Dies ist im Interesse der Gesellschaft. Mit kleinen Reparaturen am bestehenden Schulsystem ist diese Entwicklung nicht zu korrigieren. Entscheidend ist ein Umdenken in der Schulpolitik. Im Mittelpunkt aller Überlegungen und Maßnahmen dürfen nicht Schulformen, stehen, sondern die Verbesserung der individuellen Förderung aller Kinder. Nicht Schulformen sind zu fördern, sondern Schülerinnen und Schüler. Dabei zeigt sich jedoch, dass bei allen Maßnahmen, die dafür ergriffen werden müssen, das dreigliedrige Schulsystem an seine Grenzen stößt. Die Möglichkeiten des Wechsels in höhere Schulen sind, selbst bei verbesserter Förderung sehr schwierig. Wer eine Schule schaffen will, in der jedes Kind seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten entsprechend ohne schematische und bürokratische Barrieren gefördert und gefordert wird, der muss diese Barrie-ren beseitigen. Eine höhere Bildungsbeteiligung ist letztendlich nur ohne die Grenzen eines dreigliedrigen Schulsystems zur erreichen. Unser Ziel ist deshalb mittelfristig eine gemeinsame und in sich differenzierte Beschulung bis zum Ende der Sekundarstufe I, damit die Entwicklungspotenziale aller Schülerinnen und Schüler chancengleich entfaltet werden können. Nur eine Schule für alle Kinder" wird diesen Herausforderungen gerecht. Gemeinsames Lernen und individuelle Förderung stehen dabei in engem Zusammenhang. Das Prinzip der individuellen För-derung ist das Grundprinzip dieser Schule. Alle Schülerinnen und Schüler werden nach ihren individuellen Möglichkeiten beraten und aufgrund einer regelmäßigen Diagnose der Lernfortschritte gefordert und gefördert. Damit wird zugleich die Freude am Lernen verbessert. Lernfreunde darf nicht durch Missachtung, Beschämung, Unter- oder Überforderung zerstört werden. In der Gemeinsamen Schule werden alle Kinder und Jugendliche bis zum ersten schulischen Abschluss in der Sekundarstufe I gemeinsam unterrichtet. Dieses schließt Schülerinnen und Schüler mit speziellem Förderbedarf ein. Kinder mit Behinderungen haben einen Anspruch auf gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe, gehören von Anfang in der Schule dazu und erhalten die ihnen gemäße Förderung und Forderung. Ein besonderes Augenmerk werden wir außerdem auf Kinder mit Migrationshintergrund legen. Kinder ohne Beeinträchtigung lernen, ihre Altersgenossen, die anders sind, zu akzeptieren und von und mit ihnen zu lernen. Das Bildungswesen wird durch ein zusammenwachsendes Europa internati-onalisiert. Der Erwerb interkultureller Kompetenzen muss im Hinblick auf die anzustrebende Chancengleichheit unserer Schülerinnen und Schüler bei der späteren Teilnahme am Wettbewerb auf dem EU-Arbeitsmarkt ein fester Bestandteil des Lehr- und Lernprozesses in der Sekundarstufe I sein. Zur Leistung gehört aber auch Kontrolle. Deswegen werden vom Land im Unterricht zu erreichende Mindeststandards formuliert und die Ergebnisse regelmäßig überprüft. Die Schulen sind zur ständigen Qualitätskontrolle über ihre Qualitätsentwicklung, ihre innerschulische Differenzierung, ihre Schulprogrammentwicklung, ihre Kooperation und ihre Netzwerkbildung verpflichtet. In dieser Schule werden alle Klassen ohne Verzögerung durchlaufen. Das Sitzen bleiben kann entfallen, weil in dem jeweiligen individuellen Förderplan auftretende Defizite bei Einzelnen durch entsprechende Fördermaßnahmen sofort ausgeglichen werden können. An die Stelle des Sit-zenbleibens treten Fördermaßnahmen. Dies spart auch Geld. Die ca. 20.000 Sitzenbleiber verursachen geschätzte Kosten von ca. 70 Mio. Euro. Ganztagsschulen verbinden eine noch effektivere Förderung aller Kinder mit Familienpolitik. Sie ermöglichen durch das Betreuungsangebot für die Eltern eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Ganztagsschu-len sind Lern- und Lebensraum für alle an der Schule Tätigen und verfügen über eine entsprechende räumliche, sächliche und personelle Ausstattung. Sie erfordern aber eine Veränderung der Organisation des Lehr- und Lern-prozesses. Eine einfache Verlängerung des Schultages in den Nachmittag reicht nicht aus. Individuelle Förderung im sinnvollen Wechsel von gemein-samem Unterricht braucht Raum und Zeit. Das Lernen kann in einer Ganz-tagsschule sinnvoll rhythmisiert werden. Diese individuelle Förderung und Forderung wird verbunden mit der Freude am entdeckenden Lernen. In der pädagogischen Arbeit wirken unterschiedliche berufliche Kompetenzen zum Wohle von Kindern und Jugendlichen zusammen (z. B. Schulpsychologen, Sozialpädagogen). Schule ist Teil der örtlichen Lebenswelt. An die Sekundarstufe I muss sich eine modernisierte Sekundarstufe II mit einem differenzierten beruflichen und allgemein bildenden Oberstufenangeboten anschließen, die mit Zugangsberechtigungen zu Hochschulen und Fachhochschulen bzw. beruflichen Abschlüssen abgeschlossen werden kann. Derzeit herrscht in Niedersachsen in der Organisation der gymnasialen Oberstufe viel Unklarheit: Gymnasien und Gymnasialzweige der KGS führen nach 12 Jahren zum Abitur, IGS und Fachgymnasien erst nach 13 Jahren. An Gymnasien ist die Belastung mit bis zu 34 Wochenstunden dadurch so hoch, dass oft eine ganztägige Beschulung nötig ist, allerdings ohne die Rhythmisierung einer Ganztagsschule. In der gymnasialen Oberstufe wird die vom Schulgesetz garantierte persönliche Schwerpunktsetzung durch die Kursregelung stark eingeschränkt. Dies muss verändert werden. Wir halten zwar am Abitur nach 12 Jahren fest, wollen aber, dass die Schullaufbahn nach der Sekundarstufe I auf zwei Wegen fortgesetzt werden kann: entweder durch die Entscheidung zur Berufsausbildung oder mit der Fortsetzung der Schulzeit in einem Gymnasium oder einem gymnasialen Zweig zum Erreichen des Abiturs. Ein qualifizierter Abschluss in der beruflichen Ausbildung muss den Zugang zu einer wissenschaftlichen Ausbildung ermöglichen. Wir wollen die Hinführung der Schülerinnen und Schüler in der gymnasialen Oberstufe zum forschenden und eigenständigen Lernen. Sie sollen für eine hochwertige berufliche Ausbildung bzw. das Studium qualifiziert werden. Hierzu erhalten sie eigene Profilmöglichkeiten. Die berufliche Bildung muss modernisiert und ausgebaut werden. Die Berufsbildenden Schulen übernehmen heute schon durch ein vielfältiges Vollzeitangebot einen wichtigen Bildungsauftrag in den Regionen und ermöglichen vielen Jugendlichen eine Weiterqualifizierung. Diese Funktion muss mangels Ausbildungsplätzen erhalten und verbessert werden. Wir wollen alle Berufsbildenden Schulen zu regionalen Kompetenzzentren weiterentwickeln. Die positiv evaluierten Ansätze des Schulversuchs ProReKo werden auf alle berufsbildenden Schulen übertragen. Sicher zu stellen ist dabei die Garantie der Mitwirkung aller Beteiligten an der Gestaltung dieser modernen Kompetenzzentren. Wir wollen die Fachschullandschaft an berufsbildenden Schulen sichern und ausbauen und eine enge Zusammenarbeit mit den allgemein bildenden Schulen entwickeln. Hierbei streben wir eine deutliche Steigerung der mittleren Abschlüsse und der Hochschulzugangsberechtigungen an insbesondere über berufliche Ausbildungsgänge. Das Ziel ist der Anschluss an die Abschlussquoten der europäischen Spitzenländer. Der wachsende Wandel in der Arbeitswelt erhebt immer komplexere Ansprüche. Die Länder und Sozialpartner müssen dafür neue Konzepte entwi-ckeln. Insbesondere für lernschwache Jugendliche müssen ganz gezielte Berufsbilder im Sinne theoriegeminderter Angebote mit einem hohen Praxisanteil in enger Kooperation mit den Kammern entwickelt werden. Dies sichert, dass die Absolventen einer solchen Ausbildung auch Arbeitsplätze und eine hinreichende Entlohnung erhalten. Die Ausbildung für Lehrerinnen und Lehrer wird weiter reformiert und auf die Anforderungen des intensiven Forderns und Förderns sowie der Gemeinsamen Schule ausgerichtet. Die gute Schule" verlangt eine Ausbil-dung, die pädagogisch ausgereifte Lehrkräfte ausbildet, die fachwissenschaftlich auf hohem Niveau stehen und wissen, wie sie die Kinder individuell fördern können. Auf der Basis der jetzt eingeführten Bachelor- und Masterstudiengänge wird deshalb eine integrierte Lehrerausbildung entwickelt. Lehrerinnen und Lehrer müssen befähigt werden, flexibel an verschiedenen Schulformen zu unterrichten. Dies gilt nicht nur vor dem Hintergrund der zurückgehenden Schülerzahlen gerade im ländlichen Raum mit dem davon ausgehenden Zwang zur engeren Zusammenarbeit zwischen den Schulen, sondern auch wegen der angestrebten Gemeinsamen Schule. Die Schule mit ihrer immer heterogener werdenden Schülerschaft ist eine besondere Herausforderung und bedarf neuer Konzepte, neuer Vermitt-lungsformen im Studium und entsprechend hoher Praxisanteile. Es muss deshalb sichergestellt werden, dass zwischen verschiedenen Phasen der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung eine intensive Zusammenarbeit und ein Austausch stattfinden, damit eine Lehramtsausbildung aus einem Guss" realisiert werden kann. Hochschulausbildung, Wissenschaft und Forschung haben eine hohe Bedeutung für die Lebenschancen der Menschen und die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Sie werden immer wichtigere Faktoren für die Siche-rung des Wohlstandes und der Bewältigung des wirtschaftlichen und gesell-schaftlichen Wandels in sozialer und ökologischer Verantwortung. Bei den Ausgaben für Forschung, Wissenschaft und Bildung und bei der Studierquote bildet Deutschland im Vergleich der Industriestaaten das Schlusslicht. Wir müssen deshalb mehr tun, um die Produktivkraft Wissen für gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt zu nutzen. Deshalb werden wir mehr investieren, um die Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien zu stärken. Die moderne Gesellschaft ist durch lebenslanges Lernen gekennzeichnet. Fortbildung und Wiedereingliederung gewinnen auf allen Ebenen an Bedeu-tung. Hierzu leisten die Einrichtungen der Erwachsenen- und Weiterbildung einen unverzichtbaren Beitrag, der auch im öffentlichen Interesse liegt. Deswegen wollen wir Erwachsenen- und Weiterbildung stärken. Wir werden dabei den Schwerpunkt vor allem auf die Bildungsbereiche legen, die im In-teresse der Gesellschaft sind und dem Gemeinwohl dienen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Anteil der älteren Menschen deut-lich zunimmt. Sie sind geistig rege, lebens- und wissenshungrig. Die Seniorinnen- und Seniorenbildung erhält in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Diese wollen wir weiterentwickeln und ausbauen. Viele ältere Menschen können und wollen sich in die Gemeinschaft einbringen. Dies werden wir unterstützen. 1.4 Unser Weg Die oben umrissenen Ziele werden auf den folgenden Seiten im Detail genauer beschrieben. Wir werden ab dem Jahr 2008 beginnen sie umzusetzen. Bis zum Jahr 2018 wollen wir sie erreicht haben. Wir sind davon über-zeugt, dass wir so das Bildungssystem für Niedersachsen und für die hier lebenden Menschen entscheidend verbessern. Veränderungen für die Menschen können aber nicht erreicht werden ohne die Menschen. Deshalb werden wir darüber mit allen Beteiligten dis-kutieren: mit der Öffentlichkeit und der Fachöffentlichkeit, mit Verbänden, mit Gewerkschaften, mit der Wirtschaft, dem Handwerk und dem Handel, mit den Schulträgern, mit den Schülerinnen und Schülern und deren Eltern und Großeltern, mit den Studierenden und nicht zuletzt mit den Schulen. Sie alle wollen wir überzeugen: bildungspolitische Veränderungen auch einschnei-dende Veränderungen sind dringend notwendig, wenn Niedersachsen und seine Kinder und Jugendlichen bildungspolitisch nicht abgehängt werden sollen. Wir wollen überzeugen und nicht verordnen. Deshalb reicht der Dialog nicht aus. Überall dort, wo es nach unserer Überzeugung zu einschneidenden Änderungen kommen muss z. B. durch die Gemeinsame Schule werden wir unsere Vorstellungen nur mit und nicht gegen die unmittelbar Beteiligten (Träger und Nutzer) umsetzen. Wir wollen sie zu überzeugten Mitgestaltern des Veränderungsprozesses machen. Wir wissen, dass wir eine finanzpolitische Verantwortung für die zukünftigen Generationen haben. Deshalb werden wir unsere Reformen nach einem Stufenplan zwischen 2008 und 2018 seriös finanzieren. Dazu gehört für uns auch das Prinzip: Wer bestellt, muss auch bezahlen. Für uns gilt: Bei allen Mehrkosten, die den kommunalen Trägern entstehen, ist das Konnexitätsprinzip strikt einzuhalten. Für die Finanzierung setzen wir auch auf die Politik der Großen Koalition auf Bundesebene. Die dem Land dadurch ab 2007 zur Verfügung stehenden Mehreinnahmen aus Mehrwertsteuer und dem Subventionsabbau werden wir zum Teil für den schnelleren Abbau der Staatsverschuldung sowie zur Stärkung der Kommunen und damit zur Zukunftssicherung des Landes ein-setzen. Wir werden aber auch einen größeren Teil für die Bildung reservie-ren. Denn für uns ist Bildungspolitik Zukunftsgestaltung die Zukunft unserer Kinder liegt in der Bildung.

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